Warstein: Auf flotter Inversionsfahrt ins tiefste Münsterland


Erlebnisbericht vom 8. Warsteiner Long Distance Race

Warstein. Ballonfahren gilt gemeinhin als gemächliche Art der Fortbewegung. Dass es dabei aber mitunter auch rasant und spannend zugeht, konnte man jetzt wieder beim Long Distance Race im Rahmen der 20. Warsteiner Internationalen Montgolfiade (WIM) erleben. Aus dem Logbuch eines Teilnehmer.

5:45 Uhr, „Bitte mit diesem Ticket unter der Warsteiner Kuppel auf Startfeld A melden, dort werden Sie dann Ihrem Piloten zugeteilt.“ Mehr sagt sie nicht. Die Mitarbeiterin beim Check-in der Mitfahrzentrale fasst sich kurz, denn hinter mir warten schon die nächsten Frühaufsteher, die beim Morgenstart der WIM in die Luft gehen sollen. Für mich ist es das erste Mal. Entsprechend aufgeregt gehe ich in der einsetzenden Morgendämmerung raus aufs Gelände.

6:30 Uhr, auf dem Startfeld ist ganz schön was los. Die Teams laden die Ballonkörbe von den Anhängern und breiten die Hüllen auf der Wiese aus. Ich lerne meine Mit-Passagiere kennen, Ellen aus Kallenhardt und Udo aus Meschede. Unser Pilot heißt David Strasmann, kommt aus Mülheim an der Ruhr und ist sogar deutscher Meister im Ballonsport. Da kann ja nichts mehr schiefgehen, oder doch? Der Wind frischt merklich auf und die grüne Fahne, das Zeichen für die Starterlaubnis der Festivalleitung, flattert immer stärker. Beim Aufrüsten ist es meine Aufgabe die Leine am oberen Ende des Ballons straff zu halten, solange die Hülle mit Luft gefüllt wird.

Das Hauptfeld bevölkert den Himmel. Foto: Privat

Klingt einfach, entpuppt sich aber als echter Knochenjob, den ich ohne Bodenhelfer Johannes nicht bewältigen könnte. Kaum haben wir den Ballon in die Vertikale gestemmt, geht plötzlich alles sehr schnell. Ich hechte nach vorn, schnappe meine Kameratasche und springe als letzter in den Korb. Keine Minute später sind wir in der Luft.

7:10 Uhr, unsere Zeit läuft. Von nun an haben wir 100 Minuten, um möglichst weit zu kommen. Nach dem rasanten Start beruhigt sich die Fahrt erheblich sobald wir etwas an Höhe gewonnen haben. Die Reise geht Richtung Nordwesten. Der erste Eindruck ist atemberaubend. Aus den Wäldern steigt Nebel auf, der Möhnesee glitzert golden in der Morgensonne. Wir sind als einer der ersten gestartet, hinter uns bevölkert das Hauptfeld in bunten Farben den Horizont.

7:30 Uhr, wir passieren Soest und erreichen die optimale Reisehöhe bei 300 bis 400 Meter, die Bodeninversion. „In dieser Schicht ist die Luft, entgegen der üblichen Verhältnisse, wärmer als weiter unten.“ erklärt David. Dadurch erhöht sich die Geschwindigkeit und wir erreichen über 50 km/h. Und so reiten wir auf der Bodeninversion wie der Surfer auf der Welle weiter Richtung Münsterland.

7:40 Uhr, Kursänderung. Bislang hatten wir gehofft, bis an die niederländische Grenze zu kommen. Die Piloten diskutierten über Funk, ob wir heute noch Vla und Frikandel essen können. Jetzt kommt es anders, neuer Zielpunkt ist Senden südwestlich von Münster. „Dann laden wir uns eben bei Werner Trippler zum Frühstück ein, der kommt doch von da“, schlägt einer über Funk vor. Ehe sich der Fiestaleiter, der auch im Rennen mitfährt, zu Wort melden kann, tönt ein vielstimmiges „Ja“ aus dem Funkgerät.

Pilot David Strasmann erreichte den sechsten Platz beim 8. Long Distance Race. Foto: Privat

7:55 Uhr, wir queren die A2 bei Hamm. Das heißt, wir haben in der ersten Dreiviertelstunde 39 Kilometer zurückgelegt. Laut David ist das „sehr gut für die Zeit“. Kurz keimt bei uns die Hoffnung auf den Sieg. Doch da gibt es noch Marcus, dessen Ballon fast in Rufweite vor uns fährt. Durch ein paar geschickte Manöver holt der einen beachtlichen Vorsprung heraus. „Das wir schwer“ stellt David lakonisch fest. Ellen pflichtet ihm in fachmännisch klingenden Worten bei, während Udo und ich nur stumm nicken. So kurz kann der Traum vom Sieg sein.

8:15 Uhr, Vor uns nähert sich ein Ballon bedrohlich einer Hochspannungsleitung. „Vorsicht Strooom“ ruft David ins Funkgerät. Der andere Pilot gibt Gas und schwebt unbeschadet über die Leitungen hinweg. „Passiert das oft, dass einer hängen bleibt“, fragt Ellen. „Jedem nur einmal“, antwortet David knapp und überlässt den Rest unserer Fantasie.

8:25 Uhr, wir überfahren Ascheberg und queren die A 1. Dabei erreichen wir unser Spitzentempo von 54 km/h. Rausch der Geschwindigkeit. Jetzt sind wir schon 75 Minuten unterwegs, lang dauert es nicht mehr. Ich nutze die letzte Chance, Fotos meiner Mitfahrer zu schießen. Ich versuche krampfhaft, alle drauf zu bekommen, ohne dabei aus dem Korb zu fallen. Ellen und Udo lächeln entspannt in die Kamera, David ist die Konzentration auf das Rennen ins Gesicht geschrieben. Schließlich will er noch rausholen, was möglich ist.

8:40 Uhr, in zehn Minuten läuft unsere Zeit ab und wir bereiten die Landung vor. Wir, das ist eigentlich nur David, der vor allem einen passenden Landeplatz sucht. Nicht ganz einfach, denn wie wir erfahren, werden die Bauern im Münsterland oft böse, wenn man auf ihrem Acker landet.

Gegen 9:00 Uhr, wir landen etwas unsanft. Der Ballon setzt mehrfach auf und kippt schließlich nach vorne. Ich muss mich gut festhalten, um meinen Mitfahrern nicht in den Rücken zu fallen. Erst als der Brenner aus ist, krabbeln wir aus dem Korb. Nach kurzer Pause fangen wir an, alles wieder zusammen zu packen. Am Ende sitzen wir zu viert auf dem Sack mit der zusammengerollten Ballonhülle und blicken 360 Grad in die Landschaft.

Kurz darauf kommt der münsterländische Bauer, dem der Acker gehört. Der ist aber nicht böse sondern ganz lustig. Allerdings markiert er gerade auf dem Feld, wo seine Mitarbeiter später Gülle und Jauche verteilen sollen. In diesem Moment wünsche ich mir, dass unsere Verfolger bald kommen. Das dauert aber noch ein bisschen.

12:00 Uhr, wir sind wieder in Warstein. Während der Rückfahrt haben wir alle abwechselnd geschlafen. Jetzt füllen wir nur noch die Gastanks auf. Dann wird getauft. David erzählt uns die Geschichte des Ballonfahrens und erklärt, dass wir von nun an Adelstitel tragen. Ich bin fortan „Herzog“ und führe die Attribute „enthusiastisch“ und „unerschrocken“. Auf den Knien schwören wir unserem Piloten ewige Treue und Gefolgschaft. Die eigentliche Taufe passiert mit einem Schwung Warsteiner, der bei mir besonders groß ausfällt. Die Kollegen jubeln und ich muss mich umziehen. Da bin ich wieder auf dem Boden angekommen.

Nachtrag: Heute wurde das Ergebnis verkündet. Wir sind mit 81,184 Kilometern Sechster geworden. Aber auch der schnelle Marcus hat es bloß auf den zweiten Platz geschafft. Die Nummer eins wurde offenbar beflügelt von dem Ziel, möglichst schnell die niederländische Grenze zu erreichen: Auf Platz eins landeten Rick van Veen und Team mit 81,704 Kilometern in 100 Minuten.

Text: Benedikt Hartmer

Hinweis: Dieser Beitrag kann am Ende dieser Seite kommentiert werden.

Artikel- und Autorenhinweis:

Welcher Redakteur hat diesen Beitrag veröffentlicht?

Veröffentlicht von: Redaktion am 8. Sep 2010 und wurde einsortiert unter:
HSK-Regional, HSK-Themen, Leserbeiträge, Lokales, Topmeldungen, Warstein.
Sie können die Kommentare per RSS-Feed verfolgen: RSS 2.0. Sie können einen Trackback setzen


Andere Meinung? -- Lob oder Kritik? -- Hier dürfen Sie!:


HSK-Aktuell.de ist eine Bürgerzeitung!
Sie können jederzeit Ihre eigenen redaktionellen Texte veröffentlichen.
Einfach als Autor kostenlos registrieren. Hier gibt es weitere Infos:
http://www.hsk-aktuell.de/buergerzeitung

Gerne können Sie Ihre Events und Texte auch in unserem Social Network kostenfrei veröffentlichen:
http://www.Commy.CC (sauerland.cc)

Wenn Sie mit dem Selberveröffentlichen überfordert sein sollten, dann schicken Sie uns Ihre Medieninformationen an:
REDAKTION@HSK-AKTUELL.DE


HSK-Aktuell Plakatwand

Promoten Sie Ihre Veranstaltung an dieser Stelle!
Infotelefon (02904) 976772

Regionalpartner

Möchten Sie auch Partner werden?
Infotelefon: (02761) 8599977
Freie Lehrstellen - Ausbildungsstellen bei Azubistar.de Lehrstellendatenbank
HSK-Aktuell ist Mitglied im NRW-online.org Netzwerk
© 2009-2011 HSK-Aktuell.de powered by Internet OK