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Schmallenberg. Es gibt eine Frage, die viele Regionen in Deutschland bewegt: Welche Rolle spielt die Tourismuswirtschaft als Impulsgeber für die Regionalentwicklung? Die Suche nach den Antworten verfolgt und begleitet in vielen Fällen das renommierte Beratungsinstitut dwif-Consulting GmbH aus Berlin.

Der Geschäftsführer Dr. Mathias Feige war als Gastredner bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Sauerland-Tourismus und beleuchtete in seinem Vortrag, vor welchen Herausforderungen gerade die deutschen Mittelgebirge stehen und welche Chancen das Sauerland nutzen kann.

Frage: Herr Dr. Feige, was macht das Sauerland auf dem touristischen Markt möglichweise besser als andere Regionen?

Dr. Feige: Was mir im Sauerland und damit an der Arbeit des Sauerland-Tourismus sehr gut gefällt, ist, wie hier in der Region die Strukturen und Partner zusammengeführt werden. Dazu gehören Akteure aus der Freizeitwelt – die Tourismusstellen, das Gastgewerbe – und Unterstützer aus dem nicht touristischen Bereich wie die Brauereien oder Hersteller von Konsumgütern. Natürlich setzt die Realität hier der möglichen Zusammenarbeit Grenzen, aber die Strategie, mit der der Sauerland-Tourismus diese Partnerschaften festigt, ist herausragend. Auch die Energie, mit der sich der Tourismusverband mit seiner Sauerland-GastgeberWerkstatt um die Qualität bei den Beherbergungsbetrieben und im Gastgewerbe kümmert, ist vorbildlich – hier geht die Arbeit deutlich über reines Destinationsmarketing hinaus und das ist richtig so.

Frage: Was sind nun wichtige Aufgaben der Zukunft?

Dr. Feige: Das Nachfragevolumen der deutschen Mittelgebirge – und zwar aller, außer dem Schwarzwald – stagniert seit den vergangenen 15 Jahren. Beim Tagestourismus schlägt der demografische Wandel zu, bei Übernachtungsgästen sinkt die Aufenthaltsdauer immer weiter. Der Inlandsmarkt für Neukunden ist endlich, und die Erschließung der Marktpotenziale aus dem Ausland, über die Niederländer hinaus, ist anspruchsvoll – Stichworte sind hier: fremdsprachige Websites und Speisekarten, mindestens gute Englischkenntnisse, interkulturelle Kompetenzen und vieles mehr. Diese Ausgangslage wirft natürlich die Frage auf, welche Strategie für die Zukunft die richtige ist. Ich sehe hier das qualitative Wachstum als sinnvoller an, als das rein quantitative. Nicht immerzu neue Gäste zu gewinnen ist dabei die Triebfeder, sondern jene Gäste, die das Sauerland besuchen, dazu zu animieren, mit ihrem Geld zur höheren Wertschöpfung beizutragen. Das geht natürlich nur mit Angeboten, die besser sind als die der Konkurrenz. Es gilt also, im Sauerland Erlebnisse zu schaffen, die mit ihrer Qualität und ihren attraktiven Preisen zu einem höheren Umsatz beitragen.

Bei der Mitgliederversammlung 2016 des Sauerland-Tourismus v. l.: Thomas Weber (Geschäftsführer Sauerland-Tourismus), Barbara Dienstel-Kümper (Kreisdirektorin Märkischer Kreis, 2. stellv. Vorsitzende Sauerland-Tourismus), Theo Melcher (Kreisdirektor Kreis Olpe, Vorsitzender Sauerland-Tourismus), Dr. Jürgen Fischbach (Marketingleiter Sauerland-Tourismus), Dr. Mathias Feige (Geschäftsführer dwif-Consulting GmbH Berlin), Eckhard Henseling (stellv. Geschäftsführer Sauerland-Tourismus), Dr. Klaus Drathen (Kreisdirektor Hochsauerlandkreis, 1. stellv. Vorsitzender Sauerland-Tourismus). Foto: © Sauerland-Tourismus e.V. / Nadja Reh

Bei der Mitgliederversammlung 2016 des Sauerland-Tourismus v. l.: Thomas Weber (Geschäftsführer Sauerland-Tourismus), Barbara Dienstel-Kümper (Kreisdirektorin Märkischer Kreis, 2. stellv. Vorsitzende Sauerland-Tourismus), Theo Melcher (Kreisdirektor Kreis Olpe, Vorsitzender Sauerland-Tourismus), Dr. Jürgen Fischbach (Marketingleiter Sauerland-Tourismus), Dr. Mathias Feige (Geschäftsführer dwif-Consulting GmbH Berlin), Eckhard Henseling (stellv. Geschäftsführer Sauerland-Tourismus), Dr. Klaus Drathen (Kreisdirektor Hochsauerlandkreis, 1. stellv. Vorsitzender Sauerland-Tourismus). Foto: © Sauerland-Tourismus e.V. / Nadja Reh

Frage: Welchen Herausforderungen müssen wir Touristiker im Sauerland uns dabei stellen?

Dr. Feige: Die Gästeansprache wird immer herausfordernder, da die Segmentierung immer größer wird. Nehmen Sie zum Beispiel die Gästegruppe der Mountainbiker, auch die lässt sich weiter unterteilen in die sportiven Jungen, die sich auspowern wollen, und die etwas Älteren, die gemütlich einsteigen und sich eher ausprobieren möchten. Es geht also darum, hochgradig individualisierte Produkte über genau den passenden Kanälen anzubieten, mittels derer diese spezifischen Gruppen anzusprechen sind. Marketing läuft in Zukunft also nicht nur über Kampagnen, sondern über Köpfe – also jene Mitarbeiter, die bloggen können, die es verstehen, die richtigen Posts zur richtigen Zeit zu publizieren und sich mit den Nutzern auf unterschiedlichen Kanälen zu unterhalten.

Frage: Wie sollte die Arbeit des Sauerland-Tourismus über die reine Ansprache von Gästen hinausgehen?

Dr. Feige: Die Ansprache der Gäste erfolgt heute über Emotionen. Das macht der Sauerland-Tourismus bereits, kann hier aber noch aktiver werden. Der Schwarzwald zum Beispiel hat es mit dem Begriff „Black Forest“ und dem modernisierten Bollenhut und der Kuckucksuhr vorgemacht. Die Frage ist nun: Mit welcher Botschaft lädt das Sauerland seine Gäste ein? Marken entstehen von innen nach außen. Ein plakatives Beispiel ist die Marke BMW mit dem Slogan „Freude am Fahren“, der nicht nur Resultat von Kundenbefragungen, sondern auch aus der Motivation der BMW-Mitarbeiter heraus entstanden ist. Wenn das Sauerland also mit dem Begriff „Heimat“ oder auch „Moderne Idylle“ wirbt, dann gilt es hier die Markenkerne zu schärfen: Um welche Heimat handelt es sich genau und ist es eine andere Idylle als die im Harz oder im Bayerischen Wald? Hier hat der Sauerland-Tourismus schon die richtigen Schritte eingeleitet, indem die Lebens- und Arbeitswelt der Bevölkerung und damit der starke Wirtschaftsraum mit der Freizeitwelt der Gäste verknüpft wird. Hier ist das Sauerland mit seinen Partnern auf dem richtigen Weg. Es muss nun weiter sauerlandtypisch aufgeladen und präzisiert werden.

Frage: Wie kann der Sauerland-Tourismus dazu beitragen, die Lebensqualität in der Region zu erhöhen?

Dr. Feige: Es ist genau richtig, dass der Sauerland-Tourismus darauf hinweist, wie er zusammen mit seinen Partnern zur Lebensqualität der Menschen in der Region beiträgt. Die attraktiven Wander- und Radwege, die schmucken und aufgeräumten Ortskerne mit ihrer Sauerland-Architektur wirken authentisch. Auch wenn zwischendurch Industriegebiete zu sehen sind, ist die Landschaft ästhetisch anzuschauen. Denn man merkt: Hier leben Menschen, die es für sich schön machen wollen, das ist kein künstliches Disneyland. Alle Partner im Sauerland – aus dem Tourismus und der Wirtschaft – sollten die entstandenen Beziehungen pflegen und für die Region nutzen. Dazu gehört auch der Erhalt des Ehrenamtes, das viele Aufgaben zum Beispiel in der Ortsverschönerung oder der Wanderwegpflege übernimmt. Was den inneren Zusammenhalt betrifft, ist die Region wirklich ziemlich weit und ein Musterbeispiel für ein gutes Binnenklima.

Quelle: Sauerland-Tourismus e.V.
Foto: © Sauerland-Tourismus e.V. / Nadja Reh