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Paderborn / Hövelhof. Plötzlich war oben und unten nicht mehr zu unterscheiden. Die Wände wackelten, Bilder fielen von der Wand, Glas zersprang, der Schrank stürzte in den Raum und begrub Nadine Brandes unter sich. Nichts konnte sie mehr bewegen, das Becken war eingeklemmt. Nebenan hörte sie ihre Tochter jammern und konnte ihr doch nicht zur Hilfe eilen.

Stärke 6,8 auf der Richterskala sagten die Experten hinterher, das Erdbeben ging von Büren aus und war selbst in dem kleinen Dorf in der Senne dramatisch spürbar. Fünf Tote, 80 Schwerverletzte, 200 leicht Verletzte und verängstigte Menschen, das war die Lage die sich den Maltesern am Samstagnachmittag [27. September 2014] in dem 500 Seelen Dorf bot. Nadine Brandes und ihre kleinen Tochter waren nur zwei der Menschen, die aus den teils zerstörten Häusern gerettet werden mussten. Mit einem schweren Beckenbruch und Quetschungen musste die Mutter ins Krankenhaus gebracht werden, ihre Tochter war „nur“ eingeklemmt gewesen, sie blieb unverletzt bis auf den Schock.

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Dabei war alles nur eine große Übung. Ein echtes Erdbeben hatte es nicht gegeben. Aber das hatten die Helfer bereits nach fünf Minuten vergessen. Mit Pyrotechnik und viel Rauch, mit Nebelmaschinen und Lichteffekten hatte das Bonner Institut für Gefahrenabwehr ein Szenario geschaffen, das so echt war, dass es von Beginn an richtig zur Sache ging für die Malteser.

Sie hatten dabei gleich mehrere Dinge zu üben. Alarmiert waren Einsatzkräfte aus den umliegenden Kreisen, ein übliches Verfahren, weil angenommen wurde, die Paderborner Retter seien längst in Büren selbst, dem Zentrum des Unglücks. Also wurden Katastrophenschützer aus dem Kreis Gütersloh, dem Hochsauerlandkreis, aus Soest, Lippstadt und Lage alarmiert.

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Erste Aufgabe nach der Alarmierung war das geordnete Eintreffen am Sammelpunkt im Lager Staumühle am Rande der Senne. Von dort aus musste ein geordneter Anmarsch ins Übungsgebiet erfolgen. Da die ehrenamtlichen Retter ja nicht wussten, dass ihr Ziel so nah lag, wurden sie deshalb von der Übungsleitung erst einmal auf die Strecke geschickt. Denn auch das Fahren in der Kolonne und das geordnete Eintreffen am Unglücksort müssen geübt sein.

Vor Ort dann fanden sich die Retter an einem der Kampfdörfer der Briten ein. Die hatten ihr Übungscamp einmal für eine zivile Nutzung geöffnet. In realer Kulisse mussten dort aus verrauchten und „verschütteten“ Gebäudeteilen Menschen geborgen und dann versorgt werden. Hövelhofer Feuerwehr, das THW aus Paderborn, drei Malteser Einsatzeinheiten, Hundestaffeln aus Gütersloh, Hagen und Siegen zur Verletztensuche, Malteser-Kradmelder aus Dortmund, Feldküchen zur Versorgung aus Altenbeken-Buke und Gütersloh, all das war am Samstag am Start. Rund 700 Teilnehmer inklusive der noch kurzfristig nach einer Absage rekrutierten Verletztendarsteller waren mit dabei.

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Die realistische Herrichtung der Gebäude sowie die auf echt geschminkten Verletzten sorgten dafür, dass von Beginn an alles wie in echt ablief. Kein Übungsszenario, sondern echte Arbeit erwartete die Retter. Für viele der Malteser eine echte Herausforderung. Denn über mehrere Stunden musste das Tempo gehalten werden, immer neue Verletzte wurden gebracht, mussten erfasst und versorgt werden. Dazu kamen die umherirrenden verwirrten und verängstigten Leichtverletzten. Die Lärmkulisse war groß, die Anspannung war spürbar.

Mit der Versorgung der Verletzten war es aber nicht getan. Die koordinierte Zusammenarbeit mit den anderen Hilfskräften, besonders der Feuerwehr und dem THW gehörte ebenso zur Übung wie ein geordnetes Abwickeln des kompletten Katastrophenumfeldes. Alle „Dorfbewohner“ mussten registriert und betreut werden, in Zelten erhielten sie warme Getränke und Essen. Für die lange Wartezeit bis sie weitergebracht werden konnten, mussten sie beschäftigt werden, ihnen die Angst vor Nachbeben genommen und sie über den Verlust ihres zerstörten Eigentums getröstet werden.

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Impressionen der Übung. Foto: Malteser Hilfsdienst

Das war wirklich voll realistisch, ich habe keinen Moment mehr daran gedacht, dass das hier eine Übung ist„, sagte Jörn Harnisch, Malteser aus Lippstadt zu der Übung. So, wie viele seiner ehrenamtlichen Malteserkollegen hatten sich die ganzen Retter gut geschlagen. Sicher gab es an einigen Stellen Auffälligkeiten, wenn Trupps sich in der Zusammenarbeit nicht fanden, wenn Abläufe nicht klar waren, wenn in der Panik, die die Übungsleitung regelmäßig anfachte, nicht alle einen ruhigen Kopf behielten. Doch insgesamt waren die Veranstalter zufrieden. Denn neben allen Herausforderungen für die künftige Ausbildung zeigte sich doch in erster Linie, dass die Malteser auf hohem Stand ausgebildet und geübt sind. Denn eine besondere Aufmerksamkeit lag nicht nur auf der Bergung und Versorgung von Verletzten. Die Aufnahme und Betreuung einer komplett geschockten Dorfbevölkerung nach solch einem Unglück kam realistischen Szenarien wirklich sehr nahe und war höchst anspruchsvoll.

Wir sind stolz auf die Leistung und froh, dass alles geordnet und gut abgelaufen ist“, freute sich Tillman Castillo Romero, Referent für Katastrophenschutz der Malteser in der Diözese Paderborn über den guten Ausgang der Übung. Und auch der neue Diözesangeschäftsführer Andreas Bierod zollte den ehrenamtlichen Maltesern großen Respekt. Für ihn war es das erste Mal, dass er so eine komplexe Übung begleitet hatte und erleben konnte, wie vielfältig die Aufgaben der Malteser in solch einem Notfallszenario sein können.

Textquelle: Malteser / Nils Brandes