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Arnsberg/Niedereimer. Fast 70 Jahre nach Kriegsende ist man der Klärung des Schicksals des Obergefreiten Franz Schulte aus Niedereimer einen ent- scheidenden Schritt näher gekommen.

Der damals 35-jährige Ehemann und zweifache Familienvater sowie Posthalter Franz Schulte meldete sich zu Kriegsbeginn als Freiwilliger zur Wehrmacht. Seine Grund-ausbildung leistete er in Perleberg bei Berlin ab, bevor er als Kradmelder an die Ostfront kam. Seit dem 9. Februar 1943 galt er als vermisst in Stalingrad (heute Wolgograd). Seine Ehefrau Martha, die jahrelang auf ein Lebenszeichen von ihrem Mann gehofft hatte, hat niemals wieder etwas von ihm gehört.

Kradmelder Franz Schulte. Foto: Detlev Becker

Seine Tochter Inge Rinsche, die sich jetzt bei einem Treffen mit Fabian Timpe und dem Ortsheimatpfleger Niedereimers Detlev Becker emotional sehr bewegt zeigte, konnte sich auch nach fast 70 Jahren noch sehr gut an die letzte Rückfahrt ihres Vaters zur Front erinnern. Sie schilderte, wie ihr Vater sie als damals 8-jährige noch zu Bett brachte und mit ihr betete, was eigentlich der Mutter vorbehalten war. Da ihr dies alles jedoch sehr ungewöhnlich vorkam, konnte sie nicht einschlafen. Offensichtlich spürte das junge Mädchen, dass etwas passieren würde. Sie stand auf und sah ihre Eltern weinend und sich aneinander festhaltend in der Küche stehen.

Zeichnung von Franz Schulte. Foto: Detlev Becker

Später dann fuhr Franz Schulte, nach einem lang andauernden und bewegenden Abschied, zuerst mit der hiesigen Kleinbahn zurück an die Ostfront. Dies ist die letzte Erinnerung an ihren Vater Franz Schulte […] und es war die letzte Begegnung der Familie Schulte aus Niedereimer. Wie gerne hätte Frau Schulte wohl über den Verbleib ihres Mannes Bescheid gewusst. Doch dieses war ihr nicht mehr vergönnt, sie starb 1979 in Ungewissheit.

Bei dem Treffen vor wenigen Tagen war auch der Ehemann von Inge Rinsche, der 90-jährige Heinz Rinsche dabei. Er hat die Schrecken des 2. Weltkrieges selbst miterlebt, auch die schwere Verwundung konnte den damaligen Fallschirmjäger nicht abhalten, weiter für Nazideutschland zu kämpfen. An vielen Kriegsschauplätzen in Norwegen, Niederlande, Russland und Italien hatte er mitgekämpft. Heute bezeichnet er den 2. Weltkrieg als die Folge einer wahnwitzigen Ideologie eines Einzeltäters und verabscheut den Krieg als menschenverachtendes und massenmordendes Instrument.

Arbeitsgruppe vor Ort (2.v.l. F.Timpe). Foto: Detlev Becker

Fabian Timpe machte sich im Sommer 2010 über den Volksbund Deutsche Kriegs-gräberfürsorge mit einer Gruppe Jugendlicher aus verschiedenen Nationen auf den Weg nach Russland, genauer gesagt zur Kriegsgräberstätte Rossoschka bei Wolgograd. Diese Grablage ist eine riesige Stätte für Soldaten verschiedener Nationen, die in der Schlacht von Stalingrad ihr Leben verloren. Derzeit sind bereits viele Tausend deutsche Soldaten umgebetet, weitere – schätzungsweise 100.000 Gefallene unterschiedlicher Nationen – werden noch in den Massengräbern inmitten der weiten Steppe vermutet.

Auf genau diesem Friedhof machte sich Geschichtslehrer Fabian Timpe dann auf die Spurensuche nach heimischen Soldaten. Hier fand er auf einem der Granitwürfel, die zum Gedenken an die Opfer der Schlacht aufgestellt wurden, auch den Namen von Franz Schulte aus Niedereimer, der dort seit Januar 1943 als vermisst gilt.

Fundstücke. Foto: Detlev Becker

Inmitten der russischen Steppe, welche 1942/43 Hauptkriegsschauplatz war, machte sich die Gruppe dann auf die Suche nach Überresten des wahnsinnigen Krieges und stieß dabei auf verschiedene Gegenstände. Direkt an der Erdoberfläche konnte man, zwischen friedlich grasenden Kühen, persönliche Ausrüstungsstücke und Kriegs-utensilien in großer Stückzahl finden. Diese Fundstücke werden größtenteils in dortigen Museen ausgestellt.

Einige besonders markante Kleinteile hat sich der der 27-jährige Fabian Timpe für seinen Geschichtsunterricht am Neheimer St.-Ursula-Gymnasium als Anschauungs-material mit nach Hause genommen. Während des weiteren Gespräches dann verdeutlichte Timpe, anhand von unzähligen selbstgemachten Fotos des Friedhofes und der Schlachtfelder um Stalingrad sowie ihrer Arbeit und der Besichtigungen vor Ort, das ganze Grauen des Krieges. Inge und Heinz Rinsche zeigten sich zutiefst beeindruckt von der Arbeit junger Menschen, um gemeinsam vielleicht noch Schicksale einiger Soldaten verschiedener Nationen zu klären und die schrecklichen Geschehnisse zusammen aufzuarbeiten.

Gesprächsrunde (H. Rinsche - I. Rinsche - D. Becker - F. Timpe). Foto: Deltev Becker

Seit nunmehr 10 Jahren ist Fabian Timpe als ehrenamtlich engagierter Mitarbeiter im Rahmen der Jugendarbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Rahmen multinationaler Jugendbegegnungslager bei Ausgrabungen, Umbettungen oder Pflege-arbeiten mit dabei. Seine bisherigen Ziele lagen in Polen, im Baltikum, in Russland, der Ukraine und sogar Weißrussland. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge organisiert in den Sommermonaten Jugendlager mit friedenspädagogischem Schwer-punkt, an denen Jugendliche und junge Erwachsene aus verschiedenen Nationen teilnehmen. Hierbei geht es um die Spurensuche an markanten Stellen, die von Ein- heimischen benannt werden. Vor Ort beschäftigen sich die Teilnehmer dann mit Grab- suche und Grabpflege der angelegten Friedhöfe sowie der Aufarbeitung von persönlichen Schicksalen von Soldaten im Kontext der Kriegsgeschichte.

Das Ganze ist eine multinationale Begegnung der Angehörigen ehemaliger Kriegs- teilnehmer zur Aussöhnung und Völkerverständigung. (Infos unter: www.volksbund.de/jugend-bildung) Mit zu diesen Jugendbegegnungen gehören aber auch Städtetouren, Besichtigungen und die kulturelle Begegnung.

Granitwürfel von Rossoschka. Foto: Detlev Becker

In diesem Sommer fliegt Fabian Timpe in die Ukraine, genauer gesagt nach Sewastopol auf der Krim, um dort die Arbeiten der Kriegsgräberfürsorge zu unterstützen und aktiv als Gruppenleiter zu gestalten. Hier will er versuchen, den Onkel eines Freundes aus Werl ausfindig zu machen.

Zu hoffen bleibt, dass mit Hilfe der jungen Leute im Laufe der Jahre noch viele Schicksale geklärt werden können. Um diese Arbeiten jedoch weiterhin durchführen zu können, ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf die Mitarbeit und finanzielle Unterstützung jedes Einzelnen angewiesen. Es dürfen sich solche menschenverachtenden kriegerischen Auseinandersetzungen nicht wiederholen, hierzu beizutragen sind alle aufgefordert.

Quelle: Detlev Becker, Niedereimer