Print Friendly, PDF & Email

Marsberg/Niedermarsberg. Die schrecklichen Novemberpogrome, die in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938 stattfanden, jähren sich in 2013 zum 75. Mal. Sie wurden auch allgemein als Reichskristallnacht bezeichnet. Organisiert hatte diese gelenkten Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich das nationalsozialistische Regime. Insgesamt wurden über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe zerstört.

Noch genau 15 Jahre zuvor, am 09. November 1923, konnte die damals aufgrund der Inflation und des Ruhrkampfs aufstrebende NSDAP niedergeschlagen werden. Im Anschluss des sogenannten „Hitlerputsch“ in München folgte ein reichsweites Verbot der NS-Arbeiterpartei. Dieses galt lediglich bis zum Februar 1925. Alles änderte sich nach der Machtergreifung am 30. Januar 1933. War es anfangs nur Schikane gegenüber den Juden, so endete das Ganze im Holocaust mit rund 6 Millionen jüdischen Ermordeten.

Änne Müller (links) und Elvira Böttcher im Zeitzeugengespräch über die Reichskristallnacht vor 75 Jahren in Marsberg. Foto: Marsberger Geschichten

Änne Müller (links) und Elvira Böttcher im Zeitzeugengespräch über die Reichskristallnacht vor 75 Jahren in Marsberg. Foto: Marsberger Geschichten

Der Verein „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.“ nimmt dieses traurige Ereignis zum Anlass, um Zeitzeugengespräche mit Marsberger Bürgern zu diesem Thema zu führen. Einige interessante Informationen konnten bisher gewonnen werden. Auch im nächsten Jahr in 2014, der I. Weltkrieg brach vor 100 Jahren und der II. Weltkrieg vor 75 Jahren aus, sollen diese geschichtlichen Ereignisse thematisiert und durchleuchtet werden.

Die Schülerin Änne Müller in 1937. Foto: Marsberger Geschichten

Die Schülerin Änne Müller in 1937. Foto: Marsberger Geschichten

Zur Reichskristallnacht in Marsberg sprachen die „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.“ mit Änne Müller aus Niedermarsberg. Sie wurde am 22. Oktober 1925 in Obermarsberg als Tochter der Eheleute Maria (geb. Prior) und Johann Müller geboren. Familie Müller lebte zum Zeitpunkt der Reichskristallnacht – und auch noch heute – in der Mühlenstraße in Niedermarsberg. Die 88-jährige Änne Müller machte schon als 3-jähriges Kind, also vor der Machtergreifung in 1933, mit einem Nationalsozialisten schlimme Erfahrungen, die sie ein Leben lang begleiteten. Die Parteifunktionäre der NSDAP machten bereits in den 1920er Jahren in Uniform mit ihren Krad-Fahrzeugen die Straßen und Gassen der Stadt unsicher.

Am 29. Juni 1929 – während des Obermarsberger Schützenfestes – ging sie mit ihrer Tante Anna und Mia durch die dortige Hauptstraße. Auf der Höhe des Hauses der heutigen Nummer 32 überfuhr ein SS-Mann aus Udorf mit seinem Motorrad die junge Änne. Sie erlitt schwere Kopfverletzungen, die von Dr. Biederbeck erst- und später im Niedermarsberger Krankenhaus versorgt wurden. Ihre Mutter Maria arbeitete damals als Hausangestellte beim Niedermarsberger Juden Levy. Auch kann sie sich gut an die Obermarsberger Jüdin Frieda Weitzenkorn erinnern.

Blick in die NS-beflaggte Niedermarsberger Hauptstraße – damals Adolf-Hitler-Straße – in den 1930er Jahren. Foto: Marsberger Geschichten

Blick in die NS-beflaggte Niedermarsberger Hauptstraße – damals Adolf-Hitler-Straße – in den 1930er Jahren. Foto: Marsberger Geschichten

Die Weitzenkorns haben „immer viel Gutes für die Bevölkerung getan“. Aus ihrer Metzgerei spendeten sie regelmäßige für ärmere deutsche Haushalte Fleischbrühen und Würste. Den Tag und den Folgetag der Reichskristallnacht schildert Änne Müller wie folgt: „Es war ein scheußliches Theater in der Stadt während der gesamten Nacht!“. Am 10. November 1938 ging sie wie immer um kurz vor 8 Uhr durch die Stadt, um zur Schule zu gelangen. Auf dem Weg durch die Hauptstraße, vor dem alten Gebäude von Hermann Traugott – an Stelle dessen sich heute die Volksbank befindet – lagen vor den Kellerfenstern zerstörte Obst- und Einmachgläser. Auch sonst flog allerlei durch die Straße, worauf Änne Müller sich keinen Reim machen konnte. In der Schule angekommen, folgte „normaler“ Unterricht. Obwohl die Schülerinnen ihre Lehrerin bezüglich der nächtlichen Ereignisse befragten, blieb eine Antwort aus. „Neugierig“ gingen alle Schulkinder nach dem Unterricht durch die Nieder-marsberger Straßen. Vor dem Haus Philipp Dalberg in der Hauptstraße flatterten Geld- scheine, Schuldscheine, Wertpapiere und Aktien mit rotem Zahlendruck kreuz und quer über den Gehweg. In der Paulinenstraße beim Haus von Sally Traugott verhüllten Meterware an geplünderten Anzugsstoffen die dortigen Äste der Birnbäume. Fenster und Rohrleitungen kaputt geschlagen. Aus dem Haus floss Seifenschaum die Treppen herunter – Wollknäule schwammen mit.

Kopie eines Zeitungsartikels, der den Unfall am 29. Juli 1929 schildert, aufgrund dessen Änne Müller das linke Augenlicht verlor. Foto: Marsberger Geschichten

Kopie eines Zeitungsartikels, der den Unfall am 29. Juli 1929 schildert, aufgrund dessen Änne Müller das linke Augenlicht verlor. Foto: Marsberger Geschichten

Ännes Vater, Johann Müller, arbeitete als Elektriker bei der Stadtberger Kupferhütte. Der dortige Meister für die Handwerker über Tage, Herr Pankauke, gab allen Arbeitern der Hütte auf Anweisung „von oben“ dienstfrei. „Alle sollen sehen, was mit den Judenschw… geschehen ist.“ Johann Müller war niedergeschmettert bei diesem Anblick und berichtete, dass dem „alten Herrn Traugott“, die Stahlen regelrecht unter seinem Bett weggeschlagen wurden. Viele jüdische Familien suchten am Folgetag nach Wertgegenständen und heilen, noch brauchbaren Sachen. Ohne viel Erfolg. Deutsche Mitbürger kamen ihnen meistens schon zuvor und transportierten alles Brauchbare ab. Im Weist angekommen sah Änne Müller die Zerstörungen am Haus von Selma Bachmann. Weiter die Weist entlang, lagen Gebetsbücher und Thorarollen in der Glinde bzw. am gegenüberliegenden Gehweg der Synagoge. Die „Übeltäter“ der Reichskristallnacht in Marsberg kamen aus umliegenden Ortschaften. Die Marsberger „NS-Partei-Soldaten“ zerstörten andernorts das jüdische Habe, um nicht erkannt zu werden. Schreckliche Erinnerungen, die Änne Müller traurig stimmen. Sie hofft und wünscht sich, dass so etwas nie wieder passiert.

Quelle: Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e.V.