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Marsberg. Dieses Jahr jubiliert die LWL-Klinik Marsberg. 200 Jahre ist es her, dass das damalige Landeshospital in Niedermarsberg eröffnet wurde. Die Klinik gilt somit als erste und älteste Einrichtung dieser Art in Westfalen. Der Marsberger Geschichts- und Heimatverein „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e.V.“ hat sich zu diesem Anlass auf eine geschichtliche Spurensuche begeben und die ehemalige Kloster- und Kirchengeschichte durchleuchtet.

Gleichzeitig wurde mit der Dipl.-Theol. Hildegard Himmel das Kircheninventar der LWL-Klinikkirche sowie des damaligen St. Johannesstiftes, der heutigen LWL-Kinder- und Jugendklinik, begutachtet. Zahlreiche Gewerke, u. a. der Maler Roland und ganz besonders die bekannten Bildhauer Larenz, schufen hier regelrechte Kunstwerke. Ein Teil an Figuren und Gegenständen ist allerdings heute nicht mehr im öffentlichen Erscheinungsbild der dortigen, kirchlichen Räumlichkeiten wiederzufinden. Die LWL-Klinik Marsberg entschied sich jetzt in Abstimmung mit den Fachabteilungen in Münster, diesen „verborgenen Kirchenschatz“ – lagernd in Kellern und auf Dachböden – wieder zugänglich zu machen.
An Stelle der LWL-Klinik Marsberg befand sich ursprünglich ein Kapuzinerkloster. Am 29. November 1744 kamen die ersten Kapuziner aus dem Kloster Paderborn in Niedermarsberg an. Es war Pater Bonifatius Raesfeld mit dem Laienbruder Pazifikus aus Drewer. Sie wohnten anfangs in „Hillekens Haus“, das in der Nähe des heutigen Klinikgeländes im Weist stand.

Das "Irrenhaus" zu Niedermarsberg, vormals Kapuzinerkloster. Dieses Bildnis ist aus der Zeit vor 1829. Die Stiftskirche von Obermarsberg auf dem Eresberg besitzt noch den barocken Zwiebelturm. Foto: Marsberger Geschichten

Das „Irrenhaus“ zu Niedermarsberg, vormals Kapuzinerkloster. Dieses Bildnis ist aus der Zeit vor 1829. Die Stiftskirche von Obermarsberg auf dem Eresberg besitzt noch den barocken Zwiebelturm. Foto: Marsberger Geschichten

Auf der Tenne dieses Hauses hielten sie den Gottesdienst und spendeten die hl. Sakramente. Das Haus war aber, wie sich bald zeigte, auf die Dauer für den Gottesdienst wenig geeignet. Sie mussten deshalb an den Bau eines Klosters und einer Kirche denken. Da kam den Patres zur rechten Zeit Hilfe. Der „Hüttenfaktor“ Anton Wilhelm Todt schenkte ihnen einen geeigneten Bauplatz. Auf diesem Platz begannen die Kapuziner im Jahr 1750 mit dem Klosterbau. Am 30. Juli 1752 konnten die Patres das „Hillekensche Haus“, worin sie rund 7 ½ Jahre gewohnt hatten, verlassen, um in das neue Kloster einzuziehen. Ein Jahr später, am 17. Juli 1753 begannen sie mit dem Bau der Klosterkirche. Die Kirche wurde an derselben Stelle erbaut, an der später die Wohnung des Anstaltspfarrers und eines Arztes entstand. Der Keller unter der ersten Wohnung war der Totenkeller für die Patres. Die Baumaterialien wurden größtenteils von den Ruinen der alten Dionysiuskirche am „trockenen Ufer der Glinde“ genommen. Die Patres selbst nahmen emsig den Schiebkarren zur Hand, um die Steine herbeizuholen. Die Bürger der Stadt halfen ihnen dabei.

Das Foto wurde 1872 aufgenommen. Man schaut auf Niedermarsberg. Im Vordergrund sind die Gebäude der Westfälischen Klinik in doppelter „H-Form“ zu sehen. Hinter dem linken „H“ wird gerade die Anstaltskirche auf der ehemaligen Bleichwiese erbaut. Sie wurde aus dem Steinmaterial des Chores der alten Klosterkirche erstellt. Foto: Marsberger Geschichten

Das Foto wurde 1872 aufgenommen. Man schaut auf Niedermarsberg. Im Vordergrund sind die Gebäude der Westfälischen Klinik in doppelter „H-Form“ zu sehen. Hinter dem linken „H“ wird gerade die Anstaltskirche auf der ehemaligen Bleichwiese erbaut. Sie wurde aus dem Steinmaterial des Chores der alten Klosterkirche erstellt. Foto: Marsberger Geschichten

Nach zweijähriger Bauzeit war die Kirche vollendet. Sie war geräumig, hoch und hell, einschiffig und mit schönem Sternengewölbe aus Tuffstein versehen. Sie hatte, wie alle Kapuzinerkirchen, statt des Turmes nur einen sogenannten Dachreiter mit einer Glocke. Am 23. Oktober 1755 wurde die neue Kirche durch den Weihbischof von Paderborn, Franz Joseph Graf von Gondola, feierlich konsekriert. In dieser Kirche hielten die Patres, deren Zahl sich nach und nach auf 12 bis 15 vermehrt hatte, den Gottesdienst und spendeten die hl. Sakramente.

Die alte Pfarrkirche in Niedermarsberg, die im Jahr 1043 erbaut und schon lange für die Gemeinde zu klein geworden war, wurde durch die Klosterkirche natürlich ganz bedeutend entlastet, zumal „die Pfarrkinder die neue Kirche gern besuchten“, so die Quellen. Nach der Säkularisation wurde das Kapuzinerkloster durch Dekret der Großherzoglich-Hessischen Regierung vom 27. Dezember 1812 definitiv aufgehoben und in eine „Irrenanstalt“ umgewandelt. Die schöne Kirche wurde im Jahr 1818 bis auf den Chor abgebrochen, angeblich weil die Fundamente bei der großen Wasserflut am 27. Juni 1796 unterspült und die Gewölbe schadhaft geworden seien. In Wirklichkeit befürchtete man aber, dass die Unterhaltungskosten der geräumigen Kirche zu groß seien würden.

Der neugotische Altar der Anstaltskirche nach der Aufstellung durch die Bildhauer Franz und Bernard Larenz. Foto: Marsberger Geschichten

Der neugotische Altar der Anstaltskirche nach der Aufstellung durch die Bildhauer Franz und Bernard Larenz. Foto: Marsberger Geschichten

Verschiedene Relikte aus Klosterzeiten und einige Teile des Klosterkircheninventars wurden auf umliegende Ortschaften und Kirchengemeinden verteilt. Der barocke Altar steht z.B. bis heute in der Pfarrkirche in Essentho. Der Kirchenchor allein blieb stehen und wurde zur Hauskapelle eingerichtet. Als solcher diente er bis zum 27. September 1869. An diesem Tag begann der Abriss des Chores. Es sollte eine neue Anstaltskirche entstehen. Der Abbruch des alten Chores erforderte einen Kostenaufwand von 153 Talern. Aus den verkauften Materialien ergab sich ein Erlös von 142 Talern.

Am 22. Mai 1870 legte Dechant Theodor Caspari den Grundstein für die neue Kirche. Der Plan zu der Kirche stammte vom hiesigen Baumeister Gustav Terstesse. Die Bauarbeiten wurden vom Maurermeister Anton Gerlach ausgeführt. Die einschiffige Kirche ist im neugotischen Stil erbaut worden. Nach zweijähriger Bauzeit konnte der Kirchenbau vollendet werden. Am 27. Mai 1872 fand die feierliche Konsekrierung zu Ehren des Hl. Johannes von Gott durch den Weihbischof Joseph Freusberg aus Paderborn statt. Der Heilige wurde Patron, da er als Schutzheiliger der Hospitäler gilt. Der Hl. Dionysius wurde Mitpatron, da die Kirche zum großen Teil aus den Materialien der ursprünglichen Dionysiuskirche und der späteren Kapuzinerkirche erbaut war. Vier Jahre später wurde auf der Stelle der abgebrochenen alten Kapuzinerkirche ein Wohnhaus für den Anstaltsgeistlichen und für einen Arzt errichtet.

Blick in die Anstaltskirche im Jahr 1936 - Die Fensterbilder des Chores sind bereits zugemauert. Foto: Marsberger Geschichten

Blick in die Anstaltskirche im Jahr 1936 – Die Fensterbilder des Chores sind bereits zugemauert. Foto: Marsberger Geschichten

Die im dortigen Totenkeller aufgefunden Gebeine der früheren Patres wurden am 23. Juli 1876 an der Südseite des Chores der neuen Kirche mit entsprechender Feierlichkeit beigesetzt. Der neugotische Altar der Kirche stammte aus der Werkstatt der Gebrüder Larenz. Die Kirche wurde später von dem Maler Ballin kunstgerecht dekoriert. Bei dieser Gelegenheit mauerte man das Fenster an der Südseite zu. Auf diesem neuen Mauerwerk malte man ein Bildnis des Christkönigs, umgeben von den Heiligen. Weitere Änderungen in und an der LWL-Klinikkirche erfolgten bis heute. Insgesamt wurden jetzt sieben Kirchenfiguren – darunter vier Herz-Jesu-Figuren aus Gips bzw. Holz, jeweils ein Bildnis des Hl. Josef, des Hl. Vinzenz von Paul sowie eine Figur „Maria-Himmelskönigin“ – an das Museum „Haus Böttcher – Marsbergs Haus der Geschichte aus 1589“ dauerhaft übergeben.

Geschäftsführerin Elvira Böttcher und Dipl.-Theol. Hildegard Himmel mit den übergebenen Figuren aus der LWL-Klinikkirche an das Museum „Haus Böttcher – Marsbergs Haus der Geschichte aus 1589“. Foto: Marsberger Geschichten

Geschäftsführerin Elvira Böttcher und Dipl.-Theol. Hildegard Himmel mit den übergebenen Figuren aus der LWL-Klinikkirche an das Museum „Haus Böttcher – Marsbergs Haus der Geschichte aus 1589“. Foto: Marsberger Geschichten

Ein wahres Schmuckstück ist der Aufsatz des ehemaligen, neugotischen Altars aus der Werkstatt der Bildhauer-Gebrüder Franz und Bernard Larenz. Verschiedene Konsolen, Postamente und Kerzenständer aus der LWL-Klinikkirche sowie ein großes Holzkreuz samt Korpus sind weitere Bestandteile, der jetzt an das Museum „Haus Böttcher“ übergebenen kirchlichen Gegenstände. Sie können – nach der Aufarbeitung und Restaurierung durch die Marsberger Fachfirma Scholand und Peez aus Oesdorf – in der neuen, großen Dauerausstellung des Museums mit zahlreichen „Kirchenschätzen“ aus der Bildhauerwerkstatt Larenz zu vielen weiteren Marsberger Ortschaften begutachtet werden. Wie in einer Kirche eingerichtet, werden dann u. a. auch ein Ambo, verschiedene Knie-, Sitz- und Betbänke sowie eine Bettafel der Vinzentinerinnen-Schwestern aus dem St. Johannesstift zu sehen sein. Weitere Informationen unter: www.marsberger-geschichten.de. Alle Veranstaltungen im Jubiläumsjahr der LWL-Klinik sind unter www.lwl-klinik-marsberg.de auffindbar.

Quelle: Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.