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Kreis Soest (kso.2017.10.03.427.-rn). Zum zehnten Mal luden der Kreis Soest und der Internationale Garnisons-Club Soest (IGCS) am Dienstag [03. Oktober 2017] zu einer gemeinsamen Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit ins Foyer des Soester Kreishauses ein. 150 Gäste erlebten aus Anlass des kleinen Jubiläums ein neues Veranstaltungsformat. Eine vom Soester Fernsehjournalisten Michael Dittrich moderierte Talkrunde befasste sich mit dem Thema „Spitzel -,(Un-)Kultur‘ damals und heute“.

Zwei Zeitzeuginnen, für die von der Staatssicherheit umfangreiche Akten angelegt worden waren, berichteten aus erster Hand, welche Erfahrungen sie mit dem SED-Regime gemacht hatten. Ingrid-Ellen Rudat, langjährige CDU-Kreistagsabgeordnete aus Lippstadt, engagierte sich zu DDR-Zeiten in der unter anderem von Dr. Gerhard Löwenthal, dem langjährigen Moderator des ZDF-Magazins, ins Leben gerufenen Organisation „Hilferufe von Drüben e. V.“, die ihren Sitz in Lippstadt hatte.

Landrätin Eva Irrgang begrüßte 150 Gäste zur Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit im Kreishaus. Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Landrätin Eva Irrgang begrüßte 150 Gäste zur Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit im Kreishaus. Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Weil er über 20 Jahre Menschen in der DDR unterstützte und Ausreisen forcierte, war der Verein ständig im Visier der Staatssicherheit. Verdeckte Stasi-Spitzel nahmen sogar regelmäßig an Mitgliederversammlungen in Lippstadt teil. Frau Rudat erinnerte sich, wie sehr sie Schilderungen der durch den Verein unterstützten DDR-Bürger über erfahrene Repressalien persönlich belasteten und mitnahmen: „Einer Chemikerin wurde für Jahre der Sohn weggenommen.

Annette Donner aus Saarbrücken, als Mitglied des Salonorchesters Arnsberg schon mehrmals bei der Feierstunde im Kreishaus in anderer Funktion mit von der Partie, ist in der DDR aufgewachsen, hat dort Musik studiert und war als Musikerin aktiv. Nach mehrmaligen Anträgen wurde ihr die Ausreise erst wenige Tage vor der Wende genehmigt. Sie hat am eigenen Leib erlebt, was Stasiverfolgung bewirkte und wie sich Lebensqualität und Familienklima ändern konnten, wenn man einen Ausreiseantrag stellte und öffentlich demonstrierte.

Der Soester Fernsehjournalist Michael Dittrich (l.) moderierte eine Talkrunde mit dem Thema „Spitzel -,(Un-)Kultur' damals und heute". Ingrid-Ellen Rudat (r.), Lippstädter CDU-Kreistagsabgeordnete, und Annette Donner (2. v. r.) aus Saarbrücken berichteten als Zeitzeuginnen. Der Historiker Professor Dr. Thomas Großbölting (2. v. l.), Westfälische Wilhelms-Universität in Münster, komplettierte die Runde. Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Der Soester Fernsehjournalist Michael Dittrich (l.) moderierte eine Talkrunde mit dem Thema „Spitzel -,(Un-)Kultur‘ damals und heute“. Ingrid-Ellen Rudat (r.), Lippstädter CDU-Kreistagsabgeordnete, und Annette Donner (2. v. r.) aus Saarbrücken berichteten als Zeitzeuginnen. Der Historiker Professor Dr. Thomas Großbölting (2. v. l.), Westfälische Wilhelms-Universität in Münster, komplettierte die Runde. Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Familiäre Sippenhaft bis zum Kontaktabbruch innerhalb der Familie und berufliche Repressalien waren die Folge. „Besonders getroffen hat mich, dass meine beste Freundin mich bespitzelt hat„, berichtete sie. „Wow, Du bist frei„, habe sie nach ihrer Ausreise gedacht. Dieses Gefühl wolle sie nicht mehr hergeben, betonte sie und appellierte an alle Deutschen, die Freiheit in ihrem Land wertzuschätzen.

Professor Dr. Thomas Großbölting vom Lehrstuhl „Neuere und neueste Geschichte“ der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, von 2005 bis 2007 Leiter der Abteilung Bildung und Forschung bei der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Berlin, ordnete die Beiträge der beiden Zeitzeuginnen in den geschichtlichen Kontext ein. Immerhin hätten auch 3.000 Informanten aus Westdeutschland die DDR-Behörden beliefert, berichtete er. Er schlug auch einen Bogen zur Gegenwart.

Zum Schluss der Feierstunde gab Annette Donner eine Kostprobe ihres musikalischen Könnens und stimmte mit dem Salonorchester die Melodie "Das ist die Berliner Luft" an. Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Zum Schluss der Feierstunde gab Annette Donner eine Kostprobe ihres musikalischen Könnens und stimmte mit dem Salonorchester die Melodie „Das ist die Berliner Luft“ an. Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Viele ehemalige DDR-Bürger hätten sich nach der Wende in ihrer Lebensleistung nicht gewürdigt gesehen. Deshalb gebe es in Ostdeutschland heute sehr viele Irritationen. Er ging auch darauf ein, dass Mitbürger heute wieder bespitzelt werden, nämlich die Deutschen türkischer Herkunft. Diese hätten aber glücklicherweise die Möglichkeit, mit den Mitteln des Rechtsstaates dagegen vorzugehen.

Die großen Leistungen der Wiedervereinigung lassen uns nicht vergessen, was sich in den 40 Jahren Teilung zugetragen hat und in wie viele Schicksale der Unrechtsstaat DDR eingegriffen und persönliches Leid gebracht hat„, betonte Landrätin Eva Irrgang in ihrer Begrüßung. Der Vorsitzender des IGCS, Oberstleutnant d. R. Dirk Pälmer, ergänzte: „Überwachung, Bespitzelung und Unterdrückung waren die Kehrseite der DDR. Die Kehrseite eines Staates, der sich Solidarität und Gleichheit für alle seine Bürger auf die Fahne geschrieben hatte.

Nach der Feierstunde eröffnete Landrätin Eva Irrrgang (l.) gemeinsam mit Professor Dr. Thomas Großbölting (r.) und Dirk Pälmer (2. v. r.), Vorsitzender des IGCS, die Plakatausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme, Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert". Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Nach der Feierstunde eröffnete Landrätin Eva Irrrgang (l.) gemeinsam mit Professor Dr. Thomas Großbölting (r.) und Dirk Pälmer (2. v. r.), Vorsitzender des IGCS, die Plakatausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme, Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“. Foto: © Thomas Weinstock / Kreis Soest

Die Plakatausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme, Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“, herausgegeben gemeinsam vom Institut für Zeitgeschichte, vom Deutschlandradio Kultur und von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, wurde im Anschluss an die Feierstunde eröffnet.

Die Ausstellung schlägt einen Bogen über ganz Europa und fordert uns auf, aus der Geschichte zu lernen„, lud Landrätin Eva Irrgang zu einem Rundgang ein. Die 26 Tafeln mit fast 190 Fotos aus 100 Jahren europäischer Geschichte sind bis zum 27. Oktober 2017 im Galeriebereich des Soester Kreishaus-Foyers zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen.

Quelle: Pressestelle Kreis Soest
Fotos: © Thomas Weinstock / Kreis Soest