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Hochsauerlandkreis. Am Donnerstag [04. Dezember 2015] besuchte eine Delegation hochrangiger australischer Parlamentarier des Bundesstaates Victoria u.a. die Aufbereitungsanlagen in Brilon Scharfenberg und im Wasserwerk Möhnebogen der Stadt Arnsberg, die zur Entfernung der 2006 festgestellten PFT-Verschmutzung (PFT = perfluorierte Tenside) konzipiert worden waren.

Bei den Parlamentariern handelte es sich um die Mitglieder des Umweltausschusses und ihrer Vorsitzenden, Mrs Bronwyn Halfpenny, die schwerwiegende Entscheidungen hinsichtlich der Sanierung eines erheblich mit PFT und anderen Stoffen verseuchten großen Areals in ihrem Bundessstaat zu treffen haben (*siehe unten!). Bei ihren Recherchen stießen sie auf den PFT Skandal im Sauerland, die hier ab 2006 eingeleiteten Maßnahmen und das Engagement des BUND hierzu.

Nach Kontaktaufnahme mit dem BUND wurde ein umfassendes Besuchs- und Informationsprogramm zusammengestellt, das zum Umweltbundesamt in Dessau, zu einer Sanierungsanlage am Flughafen in Nürnberg und in Düsseldorf, aber auch in die Möhnesee-Region und zum Ruhrverband führte. Hier wurden sie begleitet von Paul Kröfges, dem Leiter des Arbeitskreises Wasser des BUND in NRW und von Reinhard Loos, Kreistagsmitglied der SBL im Hochsauerlandkreis und Ratsmitglied in Brilon. Beidewaren seit 2006 in diesem Thema engagiert, auch mit Strafanzeigengegen die Verursacher der Verschmutzung vorgegangen und haben auch im weiteren Verlauf Konsequenzen in allen Bereichen des Einsatzes dieser Stoffe gefordert.

Foto: © BUND NRW

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Zum Auftakt am Möhnesee gab Markus Rüdel (4.v.l.) , Pressesprecher des Ruhrverbandes einen Überblick über die Aufgaben des Ruhrverbandes und rekapitulierte die Auswirkungen des PFT Skandals auf die Region und den Ruhrverband. So gab es 2007 in der Ruhr an der Mündung in den Rhein Tagesfrachten von ca. 500g an PFT, ca. 64% stammten hierbei aus den Flächenbelastungen durch vergifteten Dünger, ca. 27% aus Gewerbe und Industrie. 2014 betrug die Fracht an der Ruhrmündung dann noch ca. 80 g PFT pro Tag, wovon etwas mehr als die Hälfteaus belasteten Flächen stammten.

Somit ist die Verschmutzung der Ruhr mit PFT immerhin um über 80% zurückgegangen, vor allem durch Maßnahmen an den Quellen, und zwar auf belasteten Flächen, aber auch durch Verbesserungen der betrieblichen Kläranlagen der noch PFT einsetzenden Betriebe. Interessant ist weiter, dass durch den Ersatz bisheriger, als giftig eingestufter PFT-Verbindungen andere Substanzen dieser Stoffgruppe stärker vertreten sind, die aber ebenfalls als problematisch angesehen werden müssen, da auch sie toxisch und biologisch nicht abbaubar sind.

Foto: © BUND NRW

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In Brilon Scharfenberg begrüßte Bürgermeister Christof Bartsch die Delegation, stellte seine Stadt vor und erinnerte an die Vorgeschichte des PFT Skandals, bei der vor 2006 das Feld nahe Scharfenberg mit als Dünger getarntem Industrieabfall, der ca. 400 kg PFT enthielt, verseucht wurde.

Stefan Pieper vom Hochsauerlandkreis und Rainer Uhe von der Fa. Cornelsen erläuterten die Funktion der Flächendränage und der Aktivkohleaufbereitungsanlage, mit der es möglich wurde, das aus dem Feld sickernde PFT haltige Wasser zu behandeln und so die Zuflüsse zur Möhne, den Möhnesee und die Trinkwasserressourcen zu reinigen. Nach derzeitigem Stand ist grob ein Drittel des PFT entfernt worden, so dass davon auszugehen ist, dass die Behandlungsanlage noch viele weitere Jahre betrieben werden muss. Insgesamt hat der Kreis bisher über 1,5 Millionen Euro hierfür aufgewendet.

Foto: © BUND NRW

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Im Wasserwerk Möhnebogen erläuterten Werkleiter Thomas Kroll und Marcel Koti vom IWW die Wasserversorgung der Stadt Arnsberg und die Konsequenzen der 2006 festgestellten PFT Belastung in Ruhr und Möhne, die auf Grund der Eigenschaften dieser Stoffe unmittelbar in das Arnsberger Trinkwasser vorgedrungen waren.

Als erste Maßnahme musste der Bevölkerung ausreichend Flaschenwasser für Trink- und Kochzwecke zur Verfügung gestellt werden, gleichzeitig wurdeunter Hochdruck eine mobile Aufbereitungsanlage mit Aktivkohle konzipiert, die innerhalb von 2 Wochen zum Einsatz kam. Hier durch gelang eine Reinigung des Trinkwassers auf PFT-Gehalte in der Nähe der Nachweisgrenze.

Foto: © BUND NRW

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Allerdings mussten erst Erfahrungen mit der Leistungsfähigkeit der Aktivkohle gemacht werden. So kam es in der Anfangsphase noch zu leicht erhöhten PFT Gehalten im aufbereiteten Trinkwasser durch nachlassende Reinigungsleistung, so dass die Aktivkohlerelativ frühzeitig ausgewechselt werden musste. Im weiteren Betrieb wurde dies kontinuierlich überwacht und verbessert, auch durch Ausbau der Aktivkohlefilteranlage in stationärer Bauweise und Übergang auf besser geeignete Aktivkohlen.

Die parallel betriebene Sanierung der Möhne durch Talsperrenmanagement (stärkerer Zufluss aus nicht belasteten Speichern wie Henne- und Biggetalsperre) und Sickerwasserbehandlung in Brilon-Scharfenberg verringerte die PFT Belastung im Möhnesee, der Möhne und im Rohwasser der Wasserwerkesogar unter die Richtwerte, sodass ab etwa Ende 2007 die Aktivkohlefilter nur noch als eine zusätzliche Sicherheitsbarriere, auch für noch unbekannte Belastungen, eingesetzt wurde.

Foto: © BUND NRW

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Zwischenzeitlich wurde das Wasserwerk Möhnebogen umfassend modernisiert und befindet sich nun mit mechanischer Entsäuerung, Membranfiltration, Aktivkohlefilterung und UV-Desinfektion auf einem hohen technischen Standard, der in Verbindung mit einer verbesserten Rohwasserqualität gesundheitlich einwandfreies Trinkwasser garantiert, dass alle vorgegebenen Grenzwerte deutlich unterschreitet.

Mit Blick auf die festgestellten PFT Belastungen in ihrer Heimat war für die australische Delegation das Ergebnis der Blutuntersuchungeneiner repräsentativen Gruppe der Arnsberger Bevölkerung von außerordentlichem Interesse. Bekanntlich wurde Ende 2006 festgestellt, dass diese im Vergleich zu einer anderen Bevölkerungsgruppe (Siegen) 7 bis 8 mal höhere Gehalte an PFT (PFOA) im Blutplasma aufwies, was eindeutig auf die jahrelange Belastung des Arnsberger Trinkwassers mit diesem Stoff (PFOA) zurückgeführt werden konnte. Weitere Untersuchungen in den Jahren 2007, 2008 und 2012 belegten sodann einen kontinuierlichen Rückgang dieser Gehalte im Blut von durchschnittlich 15 bis 25% im 1. Jahr (2007) sowie von 45 bis 75 % im 6. Jahr (2012).

Obwohl keine gravierenden gesundheitlichen Effekte bei den festgestellten Blutkonzentrationen befürchtet wurden, zeigte eine umfassende Studie in 2012 auf, dass zumindest hormonelle Effekte bei Jugendlichen gemessen wurden, die einen leicht verzögerten Beginn der Pubertät verursachten. Dies muss als ernster Hinweis auf Wirkungen auch geringer PFT Belastungen bewertet werden.

Foto: © BUND NRW

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Abschließend Besuch der Kläranlage des Ruhrverbandes in Arnsberg Neheim. Hier wird das Abwasser von ca. 90.000 Menschen nach dem Belebtschlammverfahren gereinigt. Die Anlage verfügt über eine gezielte Stickstoffelimination sowie über eine biologische Teilstrombehandlung. Sie ist ebenfalls in der Lage, Phosphor aus dem Abwasser zu entfernen.

Des Weiteren verfügt die Kläranlage über Schönungsteiche, in denen das Abwasser eine Nachreinigung erfährt. Der bei der Abwasserreinigung anfallende Klärschlamm wird in Faulbehältern behandelt. Das dabei gewonnene Klärgas wird in einem Blockheizkraftwerk verwertet. Der ausgefaulte Klärschlamm wird maschinell entwässert und anschließend zur Entsorgung, d.h. zur thermischen Verwertung abgefahren.

Künftig nur noch fluorfreie Feuerlöschschäume

Trotz dieser anstrengenden Tour de Force traf sich die australische Delegation abends noch mit Vertretern einer Firma (TSF, Hamburg), die mit als Erste hochwirksame fluorfreie Feuerlöschschäume auf den Markt gebracht hat. Vom BUND NRW beim Landesamt Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz (LANUV) und dem Technologiezentrum Wasser in Karlsruhe (TZW) veranlasste Untersuchungen bestätigten die PFT- und Fluorfreiheit dieser Schäume, so dass der BUND deren gezielte Anwendung und Einsatz unterstützt und propagiert. Mittlerweile setzen zahlreiche Firmen diese fluorfreien Schäume bei Übungen, aber auch bei Bränden ein, nur noch für Hochrisikobrände wie bei Tanklagern und Flugzeugbränden werden Fluorhaltige, filmbildende Schäume vorgehalten.

Der BUND ist aber optimistisch, dass die neu und weiter entwickelten Schäume auch diese Situationen werden meistern können, so dass fluorhaltige Schäume in den nächsten Jahren komplett aus dem Verkehr gezogen werden können. Gerade die australischen Erfahrungen belegen die Notwendigkeit einer solchen Strategie.

Die australische Delegation war dem BUND und allen deutschen Ansprechpartnern außerordentlich dankbar für diese zwar anstrengende aber spannende und hochinformative Exkursion zu den verschiedenen Facetten der PFT Belastung in Nordrhein-Westfalen. Nach Auswertung der gewonnenen Erkenntnisse ist eine zügige Umsetzung beabsichtigt, ein stetiger Austausch mit dem BUND und Experten anderer Institutionen wurde vereinbart.

* Hinweis zur Situation in Victoria, Australien:
Es ist ein ziemliches Desaster, das in Fiskville, westlich von Melbourne / Australien angerichtet wurde. Jahrzehntelang trainierten hier freiwillige Feuerwehren intensiv Brandbekämpfung unter realistischen Bedingungen. Hierzu wurden große Feuer auch mit Chemikalien, Ölen, Farben, Autoreifen und anderen gefährlichen Stoffen erzeugt und dann u.a. mit entsprechenden Mengen an Feuerlöschschäumen, die hohe Gehalte an PFT-Verbindungen, insbesondere PFOS, enthielten, gelöscht. Als in der Region eine zunehmende Häufung von Krebs- und anderen Krankheiten festgestellt wurde, untersuchte man intensiv Luft, Boden, Wasser und stellte vor allem eine erhebliche Belastungen der Boden- und Wasserproben mit Substanzen aus der PFT Stoffgruppe fest.

Diese haben weltweit, aber auch in Deutschland in zahllosen Fällen Boden und Grundwasser vergiftet. Hauptproblem dieser Stoffgruppe ist ihre absolute biologische Stabilität, sie sind als nicht abbaubar und reichern sich kontinuierlich in der Biosphäre an. Es gibt zahlreiche Hinweise auf gesundheitsschädigende Wirkungen verschiedenster Art, auch hinsichtlich hormoneller, teratogener (fruchtschädigend) und cancerogener (krebserzeugend) Art.

Die Umweltverbände fordern daher gemeinsam mit führenden Wissenschaftlern, dass diese Stoffgruppe mittelfristig vollständig aus dem Verkehr gezogen wird („phasing out“) und bis dahin nur noch in geschlossenen Kreisläufen gehandhabt werden darf. Rückstände und Abfälle mit fluorierten Verbindungen müssen in geeigneten Anlagen thermisch zerstört werden.

Quelle: BUND Landesarbeitskreis (LAK) Wasser