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Bestwig / Ostwig. In der Eingangshalle hängt noch ein Mobile von der Decke. Regenbogenfische. Gebastelt von den einstigen Förderschülern der Anne-Frank-Schule in Ostwig. An einem der beiden umgebauten Klassenräume ist auf einem Schild zu lesen: „Frau Kort, Unterstufe“. Neu hingegen sind die großen Zettel mit Zimmernummern. 47 Flüchtlinge aus acht Ländern leben dort zurzeit bereits.

Seit einigen Wochen wird in der ehemaligen Schule gewerkelt und gearbeitet. Eine Sicherheitsbeleuchtungsanlage wurde installiert. Die Brandmeldeanlage soll noch erweitert werden. 16 Mini-Küchen mit Kühlschrank, zwei Kochplatten und Spüle wurden in den Zimmern aufgebaut. Jeweils drei kleine Zimmer für je zwei Personen wurden aus zwei der großen Klassenräume gemacht. Ausgestattet sind auch diese kleinen Räume mit einer Mini-Küche. Lediglich der Anstrich fehlt noch. In den anderen großen, nicht umgebauten Klassenzimmern haben je sechs Personen Platz, erläutert Hubertus Kreis vom Bau- und Umweltamt der Gemeinde Bestwig. Viele der Zimmer sind bereits belegt.

Patrick Bünner von der Gemeinde Bestwig beim Aufbau einer der 16 Mini-Küchen in der Anne-Frank-Schule in Ostwig. Foto: © Gemeinde Bestwig

Patrick Bünner von der Gemeinde Bestwig beim Aufbau einer der 16 Mini-Küchen in der Anne-Frank-Schule in Ostwig. Foto: © Gemeinde Bestwig

Toiletten sind im Gebäude noch aus Schulzeiten ausreichend vorhanden. Fürs Duschen wurde eine pragmatische Lösung gefunden: Die Flüchtlinge können vormittags in der benachbarten Turnhalle die Duschen nutzen. So bleibt der Sportbetrieb am Nachmittag und Abend unberührt.

Das ehrenamtliche Engagement wird in Ostwig ganz groß geschrieben. Die Caritas hatte zu Spenden aufgerufen – und die Bereitschaft war überwältigend, wie Dieter Schwermer, der die ehrenamtliche Arbeit vor Ort koordiniert, berichtet. Somit kann jeder Flüchtling mit einem Hausratspaket ausgestattet werden.

Die örtlichen Vereine fassen mit ins Rad: Die Löschgruppe Ostwig der Freiwilligen Feuerwehr hat Kleiderhaken in den Zimmern montiert. Der Heimat- und Förderverein hat Fahrräder organisiert. Die Freifunker sorgen dafür, dass die Bewohner Zugang zum Internet bekommen. Unter Federführung der Caritas hat die Dorfgemeinschaft Schränke, Teppiche und Stühle besorgt. Montags nachmittags gibt eine Studentin ehrenamtlich Deutschunterricht. Zwei Marokkaner beeindrucken derzeit beim FC Ostwig-Nuttlar mit ihrem hervorragenden Fußballkönnen.

Der TV Germania Ostwig übernimmt den Umbau zweier Kellerräume für Freizeitaktivitäten. Ein großer Gruppenraum als Aufenthalts-, Fernseh-, Spielzimmer entsteht im ehemaligen Werkraum: Zur Dämmung wurden Platten verlegt. Die Wände wurden angestrichen. Sofas, Sessel, Stühle und Tische wurden gespendet. Ein Fernseher mit Satellitenanlage wird installiert. Daneben können sich die Flüchtlinge in einem Raum ein wenig sportlich betätigen: Der TV stellt eine Hantelbank und Gymnastikmatten zur Verfügung. Sehr viel wichtiger ist dem Verein die Integration der Neu-Ostwiger. Informationen über weitere Sportangebote nebenan in der Turnhalle hängen in der Eingangshalle aus: Fußball, Volleyball, Gymnastik – die Bewohner der Schule sind überall zum Mitmachen und zum Sport gemeinsam mit Einheimischen willkommen. TV-Vorsitzender Christoph Rosenau betont: „Am schlimmsten sind doch für die Leute die Langeweile und die fehlenden sozialen Kontakte. Hier sehen wir als Turnverein unsere Aufgabe.

Begegnung in der Eingangshalle der Anne-Frank-Schule: Bei Kaffee, Tee und Keksen lernten sich Flüchtlinge und Ostwiger kennen. Foto: © Dieter Schwermer

Begegnung in der Eingangshalle der Anne-Frank-Schule: Bei Kaffee, Tee und Keksen lernten sich Flüchtlinge und Ostwiger kennen. Foto: © Dieter Schwermer

Begegnungen zwischen Flüchtlingen und Dorfgemeinschaft fördert auch die Caritas. Jüngst gab es in der Eingangshalle eine kleine Feier bei Kaffee, Tee und Weihnachtsgebäck: „Das wurde sehr gut angenommen“, freut sich Dieter Schwermer. Auch türkische Mitbürger sind aktiv: „Am Dienstag haben sie für alle Bewohner Essen gekocht“, erzählt er. Wichtig sei, ins Gespräch zu kommen. Obwohl das nicht immer einfach sei: Mit Händen und Füßen kommuniziere man mit den meist ausschließlich Arabisch sprechenden Bewohnern.

Das sind nur einige Beispiele, betont Dieter Schwermer. Der Rentner sieht den Einsatz ganz pragmatisch: „Die Gemeinde ist für die Hardware zuständig, wir für die Software, für Herz und Kopf.“ Wichtig sei, „dass sich die Leute gut aufgehoben fühlen“. Für ihn ist klar: „Man konnte die Leute doch nicht alleine lassen. Die Caritas fühlte sich dafür verantwortlich, ihnen das Leben in dieser Unterkunft so angenehm wie möglich zu machen.“ Die Resonanz in Ostwig beeindruckt ihn immer wieder. Wenn Hilfe gebraucht werde, sei das kein Problem: „Dann sind sofort fünf Männer da, zum Beispiel um Regale aufzubauen.

Dieter Schwermer sieht sich als Ansprechpartner – für Flüchtlinge und Dorfbewohner. Er geht mit ihnen zur Kleiderkammer, begleitet sie zu Behörden. Ob es um eine Brille, einen Arztbesuch oder die Schulsachen für eines der derzeit zwei Kinder in der Unterkunft geht: Dieter Schwermer kümmert sich. Hilfe komme aber von vielen Seiten: „Ich bin das nicht alleine, es sind viele, die mithelfen. Ohne die anderen Ehrenamtlichen ginge das gar nicht.

Aktuell leben in der Gemeinde Bestwig 273 Flüchtlinge aus 20 Ländern. 47 davon sind in der Anne-Frank-Schule untergebracht.

Quelle: Gemeinde Bestwig